Das Ende der Stuhlhussen-Romantik – Hochzeitsfotografie ohne Heititei /
Es fing natürlich völlig harmlos an.
Wie immer, wenn man sich selbst belügt.
Ich wollte nur ein paar technische Dinge an meiner Website optimieren. Wirklich nur Kleinkram. Bilder auf volle Breite bringen, ohne dafür so einen trägen Slider zu benutzen, der beim Laden erst mal gemütlich Kaffee kocht. Menü aufräumen. Ein bisschen SEO schubsen. Solide, vernünftige, erwachsene Aufgaben.
Und dann sitzt man da, klickt sich durch die eigene Seite, liest die eigenen Texte und denkt irgendwann:
Alter. Wer hat das geschrieben?
Also klar, ich war das. Leider. Aber offenbar eine Version von mir, die noch dachte, man müsse als Hochzeitsfotograf irgendwie schön weich, warm, anschmiegsam und maximal „emotional“ klingen. So ein bisschen wie Duftkerze mit Kamera.
Und genau da wurde es unangenehm.
Denn mit etwas zeitlichem Abstand sah ich plötzlich sehr klar: Da war mir noch viel zu viel Heititei drin. Zu viel Schnulz. Zu viel brav. Zu viel „man macht das halt so“. Zu wenig Charakter. Zu wenig Kante. Zu wenig von dem, was ich eigentlich denke, wenn ich mir dieses ganze Hochzeitsfotografen-Geseiere da draußen anschaue.
Und ja, jetzt sind wir beim Kern.
Dieses ewige „emotional“. Dieses inflationäre „authentisch“. Dieses „ich fotografiere nicht, wie es aussieht, ich fotografiere, wie es sich anfühlt“.
FCK DICH DOCH.
Sorry. Also nicht wirklich sorry.
Wenn alle „emotional“ und „authentisch“ sind, ist niemand mehr irgendwas
Irgendwann steht wirklich auf jeder zweiten Fotografenseite derselbe weichgespülte Satzbaukasten. Jeder fotografiert „echte Momente“. Jeder ist „anders“. Jeder hebt sich „von der Masse ab“. Jeder erzählt „eure Geschichte“. Jeder ist „emotional, authentisch, ungestellt“. Und natürlich glaubt jeder Depp, der eine Kamera halten kann, er habe gerade die Fotografie neu erfunden, weil ihm ein Coach in einem Webinar erklärt hat, dass man sich „klar positionieren“ müsse.
Die Coaching-Industrie hat da wirklich ganze Arbeit geleistet. Chapeau. Oder eher: mein Beileid.
Denn das Problem ist nicht, dass diese Worte grundsätzlich falsch wären. Das Problem ist, dass sie inzwischen so oft benutzt wurden, dass sie klingen wie ein schlecht gelüfteter Seminarraum voller Motivationsposter.
„Emotional“ ist jede Hochzeit. Wirklich jede.
Wenn Onkel Günni und Tante Erna nach sieben Cocktails ihre jahrzehntelange Fehde wieder ausgraben, sich verbal mit der Kettensäge bearbeiten und am Ende jemand in Richtung Torte eskaliert – herzlichen Glückwunsch, das ist emotional. Vielleicht nicht das, was Pinterest meint, aber emotional ist es definitiv.
Und „authentisch“?
Ja, auch das ist schnell erreicht. Ronny putzt mit Uschis Brautkleid die Felgen vom scheinteuren Lamborghini. Das Buffet ist kalt. Die Gäste schauen, als hätten sie kollektiv einen Stock im Arsch. Authentischer wird es kaum. Nur eben nicht unbedingt schön.
Aber genau darum geht es.
Diese Worte sagen nichts mehr. Sie sind nur noch dekorative Platzhalter. Man schreibt sie hin, weil einem irgendwer gesagt hat, dass man das so schreibt. Und irgendwo sitzt dann Coach Abzockbert – Name vong der Redaktion geändert – und freut sich darüber, dass wieder jemand 997 Euro für ein PDF bezahlt hat, in dem steht, dass man „nahbar“ sein soll.
In einem Jahr ist das aktuelle Businessmodell dann eh wieder Schnee von gestern. Dann verkauft man halt esoterische Schamanenreisen mit KI, Anti-Chemtrail-Buster, die genau nichts können, aber wenigstens bunt aussehen, oder irgendein neues „High-Ticket“-Ding für Menschen, die sehr gern „Mindset“ sagen.
Ich schweife ab.
Oder auch nicht. Eigentlich gehört genau das dazu.
Hochzeitsfotografie ohne Heititei fängt beim eigenen Text an
Denn während ich meine Website technisch anfassen wollte, merkte ich: Das Problem ist nicht nur die Technik. Das Problem ist der Ton. Wenn da Hochzeitsfotografie ohne Heititei draufstehen soll, darf innen nicht doch wieder lauwarme Phrasensuppe wohnen.
Meine Seite klang stellenweise noch so, als wollte sie möglichst niemanden stören. Als wollte sie gefallen. Als würde sie brav im Hochzeitsfotografen-Chor mitsingen, nur vielleicht mit etwas anderer Frisur.
Und darauf habe ich keinen Bock mehr.
Ich liebe Hochzeiten. Wirklich. Das ist kein ironischer Satz. Ich liebe es, sie zu fotografieren. Ich liebe das Chaos, die Spannung, diese kurzen, absurden, schönen, ehrlichen Momente, die einfach passieren und sofort wieder weg sind. Genau deswegen mache ich das.
Aber ich muss dafür nicht so tun, als würde ich bei jeder Stuhlhusse einen inneren Zusammenbruch vor Rührung bekommen.
Ich bin nicht da, um mich in romantischem Nebel aufzulösen. Ich bin da, um zu sehen. Um zu jagen. Um festzuhalten. Um Momente zu erwischen, bevor sie sich wieder verpissen.
Und vielleicht ist genau das der Punkt, der jetzt auf meiner Website endlich klarer rauskommt.
Seitdem macht es plötzlich wieder Spaß…
Stolenmoments wird schärfer. Zynischer. Ehrlicher. Weniger gefällig. Mehr „ist doch wahr“. Manche werden es radikal nennen. Ich nenne es: endlich weniger Bullshit.
Der neue Ton hat sich nicht am Schreibtisch ergeben, weil ich beschlossen habe: „Heute entwickle ich mal meine Brand Voice.“
Nein.
Er hat sich eher aus dem ganzen alten Schleim herausgeschält. Wie ein leicht angepisster Schmetterling aus einem Kokon aus Hochzeitsfloskeln. Und dann saß er da. Strahlend. Echt. Glänzend. Hardcore.
Und ich dachte: Ja. Genau das.
Seitdem macht es plötzlich wieder Spaß, die Seite umzubauen. Startseite und Kontaktseite haben bereits eine neue Richtung bekommen. Das Menü ist radikal aufgeräumt. Der Slider fliegt raus, ein für allemal. Die Reportagen werden nach und nach textlich erneuert. Vieles wird verschwinden. Vieles wird klarer werden. Weniger Schnulz, mehr Haltung. Weniger „schaut mal, wie emotional ich bin“, mehr „hier ist, was ich wirklich sehe“.
Und natürlich wird das nicht allen gefallen.
Gut.
Ich habe es satt, als Fotograf so zu schreiben, dass es möglichst vielen Menschen angenehm durch den Hals rutscht. Diese ganze Anbiederung, dieses Bücken, dieses widerliche „ich bin genau der Richtige für euch, bitte mögt mich“ – nein danke.
Wenn meine neue Seite jemanden abschreckt, ist das vermutlich ein Feature, kein Bug.
Hochzeitsfotografie ohne Heititei ist offenbar immer noch eine kleine Zumutung. Gut so.
Wer Hochzeitsfotografie sucht, die sich selbst in Zuckerguss ertränkt, findet davon genug.
Wirklich. Das Internet ist voll davon. Einfach einmal „authentische emotionale Hochzeitsreportage“ googeln und danach sicherheitshalber duschen.
Ich will etwas anderes.
Ich will Texte, die klingen wie ich. Bilder, die nicht so tun, als wäre jede Hochzeit ein weichgezeichneter Werbespot für ewige Glückseligkeit. Eine Website, die nicht schleimt, sondern sagt: Das hier ist mein Blick. Nimm ihn oder lass es.
Und wenn jemand genau darauf Bock hat – auf echte Momente, klare Bilder, ein bisschen Dreck unter den Fingernägeln und keinen romantischen Sirup im Überfluss – dann passt das vielleicht ziemlich gut.
Wenn nicht?
Auch schön.
Mir ist jedenfalls gerade herzlich egal, ob das „strategisch optimal“ ist.
Es fühlt sich richtig an.
Und ja, ich weiß, das Wort „fühlt“ ist jetzt gefährlich nah an genau dem Satz, den ich oben angezündet habe. Aber immerhin fotografiere ich nun offiziell nicht mehr, „wie es sich anfühlt“. Ich fotografiere das, was Tante Monika später abstreitet. Ich fotografiere die Risse in der Oberflächlichkeit, nur halt mit gutem Timing.
Und heute schreibe ich mir einfach nur von der Seele, wie sehr mir das ganze Heititei auf den Zeiger geht.
Das muss reichen.