In Memoriam – Ein Corona-Fotoprojekt in Kooperation mit der Gießener Allgemeinen Zeitung über Covid-19-Opfer aus der Region Gießen

Ein ehrenamtliches zeitdokumentarisches Corona-Fotoprojekt in Kooperation mit der Gießener Allgemeinen Zeitung
über Covid-19-Opfer und deren Angehörige aus der Region Gießen und Umgebung


in memoriam - ein corona-fotoprojekt über angehörige von covid-19-opfern aus meiner region

Wir schreiben den 7. Juni 2021.
89.965 Tote hat die Corona-Pandemie bis dato in Deutschland gefordert (Quelle: de.statista.com).

Fast 90.000 Covid-19-Opfer. Wie soll man sich so eine Zahl vorstellen? In Zahlen entspricht das in etwa der Gesamtbevölkerung des Landkreises Gießen.
Eine für mich verstörende Vorstellung, und dennoch bleibt diese Zahl abstrakt, unpersönlich und nicht wirklich greifbar.

Mit fortschreitender Dauer dieser Pandemie haben wir uns an die tägliche Meldung der Fallzahlen, der Intensivauslastung, der Zahl der Toten, auf eine unheimliche Art und Weise fast schon gewöhnt.
Wir registrieren diese Zahlen, aber oft berühren sie uns nicht wirklich. Vielleicht ist das auch einfach ein Schutz-Mechanismus unserer Psyche, der uns davor bewahrt, den inneren Halt zu verlieren und vor etwas zu kapitulieren, was wir nicht in seiner Gänze erfassen oder einordnen können.

Mit meinem nunmehr fünften Corona-Fotoprojekt “In Memoriam” möchte ich Angehörige von Covid-19-Opfern aus der Region (Gießen, Wetzlar und Marburg) die Geschichte derer erzählen lassen, die sie an den Virus verloren haben.
Ich möchte die Covid-19-Opfer herausholen aus der Anonymität der kalten Zahlen und Statistiken.
Wer waren sie, wie war ihr Leben, was ist ihre Geschichte? Wie gehen ihre Angehörigen mit dem Verlust um, was bewegt sie, wenn sie an die schlimmste Zeit zurückdenken?

Mit der Redakteurin der “Gießener Allgemeine” Christine Steines begebe ich mich in der Region Gießen, Marburg und Wetzlar auf eine kleine Reise, besuche Angehörige von Covid-19-Opfern.
Christine zeichnet für den redaktionellen Teil verantwortlich und ich porträtiere die Angehörigen – meist mit einem Erinnerungsstück oder einem Porträt der/des Verstorbenen im Bild – mit meiner Hasselblad 500c/m-Mittelformatkamera.
Analog auf Tri-x-400-Schwarzweiß-Film.
Old school. Back to the roots.
Für dieses Projekt habe ich mich für die analoge fotografische Umsetzung entschieden, weil ihre nicht unmittelbare Art der Fotografie mit ihrem entschleunigten Charakter meinem Gefühl nach sehr gut zu diesem sensiblen Thema passt.
Analoge Fotografie erfordert Geduld und gibt – zumindest in diesem Fall – auch das erforderliche benötigte Mehr an Zeit und Raum, nicht nur für mich, sondern auch den Porträtierten.


»Oma kämpfte ganz alleine«

In Memoriam Gerda Krisp:
Annika Kruse, Birgit Krisp, Inga Krisp.

Gerda Häublein war 90 Jahre alt, als sie starb. Ein erfülltes Leben lag hinter ihr. Aber es gab keinen Abschied im vertrauten Familienkreis. Nachdem sie sich im Pflegeheim mit Corona infiziert hatte, kämpfte die alte Dame sieben Tage lang, am achten Tag war sie tot.
Das einsame Ende schmerzt ihre Tochter und ihre Enkelinnen zutiefst. Es belastet ihre Trauer.

Text: Christine Steines


Motte. Einmal hat Gerda Häublein leise den Kosenamen ihrer Tochter gesagt. Das war beim letzten Besuch, wenige Tage vor dem Tod der alten Dame.
Birgit Krisp stand im Schutzanzug am Bett ihrer Mutter im Alten- und Pflegeheim Maria Frieden. Eigentlich konnte die Seniorin in dieser Vermummung niemanden erkennen. »Aber ich glaube, sie wusste, dass ich es bin«, sagt die 67-Jährige. Auch Enkelin Inga Krisp war es wichtig, dass die Großmutter wahrnahm, dass sie gekommen war. Sie hat extra ihren Lieblingsduft aufgelegt. Joop Nightflight.
Das Parfum benutzt sie seit vielen Jahren. Es gehört zu ihr, und natürlich kannte die Oma den Geruch.
Inga weint.
»Ich wollte diesen Abschied nicht in erster Linie für mich, ich wollte ihr signalisieren, dass sie loslassen, dass sie gehen kann«. Die 41-Jährige entschuldigt sich für ihre Tränen. »Das hört gleich auf«.
Wenn sie über die Oma spricht, überkommt sie die Trauer. Großmutter und Enkelin hatten eine innige Verbindung.

,,Jeder von uns trägt in der Pandemie Verletzungen davon.”
Annika Kruse, Enkelin

Annika Kruse (46), Schwester von Inga und Tochter von Birgit, war in dieser letzten Phase nicht noch einmal im Pflegeheim, aber sie hat den Termin organisiert und die Schutzanzüge besorgt. Sie fand Besuche riskant, wollte aber die beiden Frauen unterstützen. Das sagt viel über das Trio. Die Schwestern sind völlig unterschiedliche Typen, aber sie halten zusammen. Immer. Beide sind empathisch und empfindsam.
Doch während Annika ein überlegter, eher kontrollierter Typ ist, ist Inga spontan und emotional.
Zu Mutter Birgit, einer offenen und herzlichen Frau, haben sie eine enge Beziehung. »Es gibt keinen Menschen, der so viel Liebe in sich trägt wie unsere Mutter«, sagt Annika.
Was haben die Charaktere mit der Trauer um die Oma zu tun? Auf den ersten Blick nicht viel und auf den zweiten jede Menge, denn jede leidet auf ihre Weise an diesem unglücklichen Abschied.
Die Pandemie hat alles verändert, unser Land, unser Leben. »Jeder hat Verletzungen davon getragen«, sagt Annika.
Wenn in einer solchen Situation einer aus dem engsten Kreis auf tragische Weise von dieser Welt gehen muss, dann ist das schwer zu verkraften, auch wenn man in einer liebevollen Familie aufgefangen wird.
Der Tod gehört zum Leben. Ein Ende mit 90 Jahren ist schmerzlich für die Angehörigen, aber nach und nach überwiegt in der Trauer die Erinnerung an schöne Zeiten. Das ist anders, wenn es ein »Abschied auf Abstand« war. Und wenn der Tod sich ohne Corona noch Zeit gelassen hätte.
Das war bei Gerda Häublein der Fall. Die alte Dame litt unter dem Restless-legs-Syndrom, sie war in den Jahren im Pflegeheim immer schwächer geworden, doch lebensbedrohliche Vorerkrankungen hatte sie nicht. Ihr größtes Risiko war ihr Alter.
Die Familie Häublein/Krisp/Kruse stammt ursprünglich aus Berlin, im Alter sind die älteren Generationen in die Nähe von Tochter Annika und ihrer Familie gezogen, Inga und ihre Frau leben ebenfalls nicht weit entfernt in Offenbach.

,,Meine Mutter war immer eine starke, eigenständige Frau.”
Birgit Krisp, Tochter

Gerda hat sich wohl gefühlt im Pflegeheim, sie hat die Nähe der Familie genossen, aber niemals eingefordert. Auch die Geselligkeit im Heim suchte sie nicht, sie blieb gerne für sich im Zimmer, auch als es noch möglich gewesen ist, mit den anderen Bewohnern gemeinsam zu essen und Zeit zu verbringen.
»Sie war ihr ganzes Leben lang eine starke, eigenständige Frau, die viel Wert auf ihre Unabhängigkeit legte«, schildert Birgit. Sie hat sich mit vielem arrangiert, aber sie konnte es nur schwer ertragen, dass sie nicht mehr aktiv sein konnte wie früher.
Sport und ihre Yogaübungen hat sie vermisst. Der Körper wollte nicht mehr, dafür war der Geist hellwach.
Sie liebte Rummikub und Kreuzworträtsel. Als in Maria Frieden wegen des Coronaausbruchs keine Besuche mehr zugelassen waren, rätselte sie gemeinsam mit ihrer Tochter am Telefon.

Als aus dem Pflegeheim die Nachricht kam, Gerda sei mit dem Coronavirus infiziert worden, war die Familie schockiert.
Innerhalb weniger Wochen starben im Dezember 2020 in Maria Frieden 21 alte Menschen.
Gerda ging es zunächst gut, doch innerhalb weniger Tage verschlechterte sich ihr Zustand dramatisch.

Normalerweise hätten sich die Tochter und Enkelinnen am Bett abgewechselt, wäre der Sohn aus Berlin angereist, hätte sich die gesamte Familie versammelt.
»Die Oma kämpfte ganz alleine«, sagt Annika.

Es gab kein normalerweise. Statt dessen Telefongespräche.
Birgit, selbst Krankenschwester, sorgte sich um die richtige Pflege. »Aber ich weiß, wie gut sich alle gekümmert haben«.
Vor dem Pflegepersonal und überhaupt den Mitarbeitern der Caritas haben die Frauen größte Hochachtung. »Die standen im Auge des Monsuns und haben einen großartigen Job gemacht«, sagt Annika.

»Sie waren unsere Stellvertreter«, fügt Inga an. Dass es in den Pflegeheimen überhaupt so weit gekommen ist, ist ein anderes Thema. Die Fehler in der Pandemie haben vielfältige Ursachen.

Annika trägt eine Kette mit goldenem Anhänger, Birgit einen Ring mit grünem Edelstein, Inga einen mit einem hellen Stein.
Es ist Schmuck, der Mutter bzw. Oma. Erinnerungen gibt es viele. Den Schal, den sie so gemocht hat, das Meißner Porzellan, die Basteleien mit den Glitzerpailletten.
leine Kostbarkeiten für die Frauen.

,,Die Pflegekräfte waren zum Schluss unsere Stellvertreter.”
Inga Krisp, Enkelin

Sie betrachten ein Foto der alten Dame. Eine gutaussehende Seniorin, auch im hohen Alter.
Sie war eine kluge Frau, eine liebe Oma, aber gleichzeitig konnte sie auch ganz anders sein: hart und egozentrisch. Was das Leben eben so aus einem macht.
Ein innig geliebter Mensch mit Ecken und Kanten.
Ende April wäre Gerda 91 Jahre alt geworden. Zu der Zeit blüht der Flieder vor Annikas Haus. Sie hat ihn vor Jahren eigens gepflanzt, weil die Oma Flieder liebte.
Die Blüten werden in Zukunft im Frühling ein besonderer Gruß von ihr sein.


TEILT GERNE DIESE AKTION UND MELDET EUCH, WENN IHR BEI DIESEM PROJEKT MITMACHEN MÖCHTET! 🙂

#fckcorona!